Meldung vom 22. Juni 2017

100 Stühle erzählen eine Geschichte

100 verschiedene Stühle zeigt das Emschertal-Museum im Rittersaal des Schlosses Strünkede – vom Schemel bis zum Herrscher-Stuhl, vom Freischwinger bis zum Starfighter-Schleudersitz. Und wenn man die Zeitumstände und die Funktionen betrachtet und durchleuchtet, entsteht dabei „eine kleine Geschichte der Sitzkultur“.

„Die kleinen Dinge des Alltags“

„Das Emschertal-Museum wendet sich gerne den kleinen Dingen des Alltags zu“, sagt Museumsdirektor Dr. Oliver Doetzer-Berweger. Daraus entstehen spannende Geschichten, oft mit skurillen Details garniert wie im vorigen Jahr die Ausstellung „Entfaltet! – Kleine Kulturgeschichte des Platzsparens“ . Das Emschertal-Museum griff auch jetzt auf die bewährte Hilfe der in Herne bekannten Bonner Agentur „ConCultura“ zurück. Agentur-Mitarbeiterin Elke Hartkopf begann die Recherche mit einer Besichtigung des Museums-Depots, war überrascht über die zahlreichen Sitzmöbel und begann mit einer Bestandsaufnahme. Aber bei 100 Exponaten sind auch 60 Leihgaben dabei wie zum Beispiel der stattliche Starfighter-Schleudersitz, den die Bundeswehr aus Koblenz zur Verfügung stellte. Da der Starfighter sehr häufig vom Himmel fiel, kam der Sitz häufig zum Einsatz.

Stühle für jedermann erst ab der Neuzeit

„Der Stuhl ist eine europäische und amerikanische Besonderheit“, hatte Doetzer-Berweger zu Beginn gesagt. „In Afrika und Asien saß man nicht auf Stühlen“, konstatiert Elke Hartkopf. Und selbst in Europa setzte sich das klassische Sitzmöbel mit Rückenlehne erst in der Neuzeit durch. Das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci mit Jesus und den Jüngern, die um Tischen herum auf Stühlen sitzen, kann so nicht stattgefunden haben. „Der erste Stuhl, den wir kennen, ist der Herrscherstuhl“, so Hartkopf. Erfunden von den Ägyptern schon 3.000 vor Christi und nur von Fürsten, Könige und Kaiser für repräsentative Zwecke in Besitz genommen. „Er bildete und bildet Hierarchie ab durch die erhöhte Rückenlehne“, führte Christina Becker, ebenfalls Concultura, aus. Neben einem Herrschaftsstuhl aus dem 17. Jahrhundert steht in der Ausstellung der Oberbürgermeister-Stuhl aus dem Sitzungszimmer des Herner Rathauses. Aus dem Alltag geplaudert: Auch bei Sitzungen ohne Oberbürgermeister traut sich keiner, darauf Platz zu nehmen. „Wir wissen auch heute noch, wo man zu sitzen hat“, sagt Hartkopf.

Biedermeier-Sofa und Gartenstuhl

Das „normale“ Volk kam erst nach dem Mittelalter in den Genuss von Stühlen. Eine Ecke des Rittersaals ist in der Form eines „deutschen Wohnzimmers“ gestaltet – dort dominieren plüschige und schön dekorierte Biedermeier-Sofas und -Sessel das Bild. Die Thonet-Stühle, benannt nach ihrem Hersteller, leiteten zum Ende des 19. Jahrhunderts die Massenproduktion ein. Im typischen Design der 50-er Jahre wurden Stühle besonders klein und schmal, also platzsparend, entworfen. Der Monobloc-Plastikstuhl ist der am häufigsten verkaufte Stuhl, Schätzungen zufolge wurde er eine Milliarde mal hergestellt. In Deutschland ist er vorwiegend in Gärten und auf Campingplätzen zu finden, in anderen Teilen der Welt wird er auch für alle Formen von Veranstaltungen eingesetzt. Überhaupt, der Siegeszug des Stuhls ist beeindruckend: Im Durchschnitt besitzt jeder Mensch 20 Exemplare.

„Wir konzentrieren uns in unserer Ausstellung auf Nutzung des Stuhls und nicht auf das Design“, sagt Elke Hartkopf. Einige exquisite Miniaturen aus dem Vitra-Museum in Weil am Rhein lassen dennoch erahnen, was Designer sich haben einfallen lassen, um das Sitzen zum ästhetischen Genuss zu machen.

Zu sehen gibt in der Ausstellung auch: den weißen Stuhl, den der Wanne-Eickeler Künstler Helmut Bettenhausen bei seinen Fotoprojekten ins Bild gerückt hat; der Nachbau eines mittelalterlichen Folterstuhls; ein Schulstuhl mit kufenartigen Beinen gegen das „Kippeln“ (was meist nichts genutzt hat); der „Thonet 214“, bekannt als Wiener Kaffeehausstuhl, der immer noch in vielen Restaurants zu finden ist; der Freischwinger, erfunden in den 20-ern; der Eames Plastic Chair als erster seriell hergestellter Plastikstuhl, zur Verfügung gestellt vom Historiker Ralf Piorr; ein Ohrensessel; ein Bergmannsstuhl als transportable Toilette; ein transportabler Kinderstuhl aus dem 18. Jahrhundert, in den ein wärmendes Stövchen integriert ist; ein Pferdesattel. Vergessen haben die Kuratoren auch das Gesundheitsthema nicht: Der Wälzer „Sitzen ist das neue Rauchen“ ist an exponierter Stelle ausgestellt, sozusagen die Bibel der Sitzgegner. Auch die praktischen Vorschläge für gesundes Sitzen in der Ausstellung überzeugen Christina Becker nicht: „Es gibt keine gesunde Sitzhaltung.“